Cryptonomicon - Neal Stephenson, Juliane Gräbener-Müller, Nikolaus Stingl

Dieses Buch hat auf der positiven Seite:
- einige interessante Ideen, die allerdings leider immer nur für ein paar Kapitel verfolgt und dann fallen gelassen werden, genauso wie der Handlungsstrang, der immer nur kurz aufblitzt und dann wieder im Nebel überdimensionierter Beschreibungsorgien versinkt (Mal ganz ehrlich: Auch wenn es die Wortschmiedekunst des Autors beweist, wer möchte wirklich fünf Seiten lang lesen, wie jemand in seinem Hotelzimmer sitzt und Frühstücksflocken isst?)
- einen netten Running-Gag (Echse!)
- einen sehr aufwändig recherchierten Hintergrund im komplizierten Bereich der Kryptologie

Auf der negativen Seite hat es aber auch:
- absolut keinen Spannungsbogen (Erst passiert das, dann das, danach das, dann das, und dann das, und das Ganze auch noch auf zwei Zeitebenen und aus vier Erzählperspektiven. Noch nicht mal einen Höhepunkt gab es. Ich hatte auf einen riesigen Knaller am Ende gehofft, aber selbst den gab es nicht.)
- weibliche Alibi-Charaktere, die ausschließlich dazu da sind, dass sich der eine oder andere männliche Charakter in sie verlieben kann, die nichts zur Entwicklung der Geschichte beitragen und die ansonsten auch fast nichts zu sagen haben
- überflüssige Selbst(auf)opferung durch Suizid, aus völlig unerfindlichen Gründen (Ein Charakter, ein amerikanischer Soldat z. B. SPOILER!SPOILER!SPOILER! hat gerade im hart umkämpften Kriegsschauplatz Manila nach langer Suche endlich seinen kleinen Sohn wiedergefunden, einsam und allein, da die Mutter an Lepra erkrankt ist und sich daher nicht mehr um das Kind kümmern kann, und was macht der Mann? Nein, er sorgt nicht dafür, dass er mit seinem Kind das Land verlassen kann - obwohl er keine Probleme hatte, einige Zeit vorher schon mal zu desertieren - um sich dann um den Kleinen zu kümmern, ihn großzuziehen, ihm ein Zuhause zu geben, nein, nein, nein, das wäre doch unmännlich! Stattdesssen nimmt er einen Auftrag an, irgendeine japanische Festung mit Benzin und Phosphorgranaten in die Luft zu jagen, und als er die letzte Granate durch den Lüftungsschacht geworfen hat SPRINGT ER HINTERHER, um sich umzubringen.
Ähm... muss ich das verstehen?

Cryptonomicon war eine herbe Enttäuschung, vor allem nach den hervorragenden "The Diamond Age" und "Snow Crash" des Autors.
Ein Gutes hatte das Buch aber: Für die letzten sieben Wochen hatte ich eine hervorragende Einschlafhilfe zur Hand; nach maximal 30 Seiten bin ich jeden Abend unweigerlich weggeratzt.